Wie man den reellen Zahlenkörper erweitert
F: Kann es denn zusätzlich zu den reellen Zahlen überhaupt noch weitere Zahlen geben? Immerhin heißt es doch, die Menge
A: Wieso soll es denn keine zusätzlichen Zahlen geben? Ich könnte Dir gleich mehrere Beispiele nennen, bei denen man zu vorhandenen Zahlen neue hinzugefügt hat. Denk an die negativen Zahlen, die Bruchzahlen oder daran, wie man die irrationalen Zahlen gefunden hat.
F: Die reellen Zahlen sind zusätzliche Zahlen, die es vorher nicht gab?
A: Ja, sogar die rationalen Zahlen sind schon neue Zahlen gewesen, als man verlangte, dass nicht nur jede Additions- und Multiplikationsaufgabe ein Ergebnis haben sollte, sondern auch jede Subtraktions- und jede Divisionsaufgabe. So erhielt man negative Zahlen und die Brüche als neue Zahlen. Am Anfang stand ja nur das Zählen, wofür bekanntlich die natürlichen Zahlen ausreichen.
F: Und was hat das mit den hyperreellen Zahlen zu tun?
A: Eine ganze Menge, denn wenn man die Grundrechenarten mit rationalen Zahlen durchführt, erhält man wieder nur rationale Zahlen als Ergebnis. Deswegen sagt man auch, die Zahlenmenge

F: Ich verstehe. Die Menge

A: Denke zum Beispiel an die Frage, wie man die Länge der Diagonalen in einem Quadrat aus der Länge seiner Seite berechnet. Schon Euklid hat herausgefunden, dass man die Seitenlänge mit einer Zahl multiplizieren muss, die gar nicht rational sein kann. Heute bezeichnen wir diese Zahl mit


F: Ja, ich erinnere mich an meine Schulzeit, so etwa in der neunten Klasse muss es gewesen sein. Da haben wir untersucht, wo genau auf der Zahlengeraden



A: Wichtig ist, dass man die Zahl


Du siehst also, dass man aus den rationalen Zahlen mit einem anderen Verfahren durchaus andere, neue Zahlen finden kann. Diese neuen, nicht mehr rationalen, Zahlen nannten Mathematiker irrationale Zahlen.
F: Die rationalen und die irrationalen Zahlen fasst man nun zur Menge


A: Du hast das Entscheidende verstanden. Aber Vorsicht, völlig beliebig kann man nicht vorgehen, wenn man neue Zahlen erklären will. Es ist dabei immer zu beachten, dass man mit dem neuen Verfahren nicht nur neue Zahlen findet, sondern auch die alten wiederfinden kann. Umgekehrt müssen die Rechengesetze, die bei den alten Zahlen galten, bei den neuen Zahlen weitergelten. Bei den reellen Zahlen ist es so. Zum einen können Intervallschachtelungen auch auf rationale Zahlen führen, zum andern gelten auch bei irrationalen Zahlen Kommutativ- und Assoziativgesetze sowie das Distributivgesetz. Null und Eins bleiben die neutralen Zahlen bei Addition bzw. Multiplikation, und auch jede irrationale Zahl hat ihre Gegenzahl und ihren Kehrwert, die natürlich beide irrational sein müssen.
F: Alles klar: Die Zahlenmenge



A: Das kommt ganz darauf an, was für Zahlen man braucht. Für die Analysis benötigt man Zahlen mit unendlich kleinem und unendlich großem Betrag. Letztere gibt es in


F: Aber die Menge

A: Vorsicht! Du bringst hier etwas durcheinander. Es gibt zwar keine größte reelle Zahl, aber jede reelle Zahl, die Du mir nennst, und sei sie noch so groß, wird endlich sein. Ich kann Dir nämlich immer sofort eine noch größere nennen, und Du wieder eine noch größere. Aber alle diese Zahlen werden immer endlich sein. Man nennt deshalb die reellen Zahlen potentiell unendlich. Die Analysis benötigt aber Zahlen, die aktual unendlich sind. Diese müssen also tatsächlich im Unendlichen liegen, jenseits der reellen Zahlen. Nur dann kann man im Unendlichen auch rechnen.
F: Nun sag schon, wie man sie findet!
A: Betrachten wir zunächst noch einmal die Intervallschachtelungen genauer, und zwar ihre Ränder. Bei

(1,4; 1,41; 1,414; 1,4142; 1,41421; 1,414213; 1,4142135; 1,41421356; ...)
Alle diese rationalen Zahlen sind kleiner als 

(1,5; 1,42; 1,415; 1,4143; 1,41422; 1,414214; 1,4142136; 1,41421357; ...)
Auch dies sind alles rationale Zahlen, nun aber größer als 
Mathematische Gebilde wie diese beiden Beispiele nennt man Zahlenfolgen. Im ersten Beispiel werden die Zahlen von Folgenglied zu Folgenglied immer größer, die Folge nennt man deshalb monoton wachsend, das zweite Beispiel ist eine monoton fallende Folge, weil ihre Folgenglieder immer kleiner werden. Beide Folgen haben etwas gemeinsam: die Folgenglieder streben der Zahl

Merken musst Du Dir nun Folgendes. Wenn man mit den alten Zahlen, aber einem neuen Verfahren, neue Zahlen definiert, muss man eine Äquivalenzrelation angeben, also die Bedingung, wann man mit dem Verfahren aus verschiedenen alten Zahlen dieselbe neue Zahl findet. Schau Dir noch einmal die beiden Beispielfolgen für


Also: Reelle Zahlen werden mittels rationaler Cauchy-Folgen beschrieben. Zwei Cauchy-Folgen beschreiben dieselbe reelle Zahl, wenn sie denselben Grenzwert besitzen.
F: Gibt es denn auch eine Äquivalenzrelation bei der Erweiterung zum Zahlenkörper

A: Ja, selbstverständlich. Die Division zweier natürlicher Zahlen, zum Beispiel 5 : 7, führt auf


F: Stimmt! Mir fällt auch ein Beispiel für negative Zahlen ein: 5 − 8 hat dasselbe Ergebnis wie 7 − 10 und 12 − 15. Hier ergibt sich die Schreibweise der neuen Zahlen aus der einfachsten denkbaren Aufgabe, die auf die neue Zahl führt, nämlich 0 − 3. Und weil man die Null weglassen kann, erhält man die Schreibweise der neuen Zahl Negativ-Drei, nämlich −3.
A: Und jetzt kommen wir endlich zu den hyperreellen Zahlen und wie man sie herstellt oder findet. Was wir also brauchen, ist
- ein Verfahren, mit dem man sie aus den reellen Zahlen herstellt,
- eine Äquivalenzrelation, aus der hervorgeht, wann das Verfahren mit verschiedenen reellen Zahlen zur selben hyperreellen Zahl führt und
- den Nachweis, dass man die reellen Zahlen in dieser Menge wiederfindet.
- Ferner sind die Rechengesetze für reelle Zahlen auf die größere Zahlenmenge zu übertragen.
Bei der zweiten Folge kann man nicht sofort sagen, welche Zahl sie beschreibt. Für diese Entscheidung spielt die Äquivalenzrelation genügend viel die zentrale Rolle, worauf ich in einem eigenen Tutorial eingehen werde.
F: Du solltest aber schon einmal andeuten, was es mit dieser Äquivalenzrelation auf sich hat.
A: In Ordnung, dann sage ich Dir zunächst, mit welchen Folgen die bisherigen reellen Zahlen beschrieben werden. Es sind dies die konstanten Folgen. Die Folge
(7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; …) beschreibt also die reelle 7, und
(









Und nun zur Äquivalenzrelation. Beide Zahlen sind kleiner als die Zahl
(1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; …),
denn endlich viele Folgenglieder sind kleiner, aber unendlich viele größer. Der gliedweise Vergleich der Zahlenfolgen ergibt also, dass genügend viele Folgenglieder von
(1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; …) größer sind als von (7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; …),
also ist die mit der ersten Folge beschriebene Zahl die größere. Entsprechendes gilt für

Der Vergleich mit (1; 3; 1; 3; 1; 3; 1; 3; 1; …) gelingt aber nicht so einfach, denn man erkennt nicht, ob diese Folge vielleicht für 1, vielleicht für 3 oder vielleicht für eine ganz andere Zahl steht. Aber dazu an anderer Stelle mehr.
F: Ich bin gespannt, wie genügend viel bei Folgen wie (1; 3; 1; 3; 1; 3; 1; 3; 1; …) funktioniert. Es fehlt aber noch die Übertragung der Rechengesetze in die neue Zahlenmenge.
A: Das ist ganz einfach. Mit den Zahlenfolgen rechnet man, indem man die jeweilige Rechenoperation gliedweise ausführt, wie übrigens auch schon bei den reellen Zahlen. Genau wie 7 + 5 = 12 ist nun
(7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; 7; …) + {5; 5; 5; 5; 5; 5; 5; 5; …) = {12; 12; 12; 12; 12; 12; 12; 12; …)
Du kannst Dir weitere Beispiele ausdenken.
Ich möchte Dich abschließend auf etwas aufmerksam machen. Betrachte noch einmal die beiden Zahlenfolgen
(1,4; 1,41; 1,414; 1,4142; 1,41421; 1,414213; 1,4142135; 1,41421356; 1,414213562; …)
und
(1,5; 1,42; 1,415; 1,4143; 1,41422; 1,414214; 1,4142136; 1,41421357; 1,414213563; …)
von vorhin. In der Menge der reellen Zahlen beschreiben beide Folgen dieselbe Zahl, nämlich

(0,1; 0,01; 0,001; 0,0001; 0,00001; 0,000001; 0,0000001; 0,00000001; 0,000000001; …).
Diese Folge kann keinesfalls die hyperreelle 0 beschreiben, denn kein einziges Folgenglied ist gleich null. Du hast hier ein Beispiel für eine infinitesimale Zahl, deren Betrag kleiner als jede reelle Zahl ist, aber eben nicht gleich null. Warum dem wirklich so ist, kannst Du selbst aus dem herausfinden, worüber wir bereits gesprochen haben.
F: Na klar! Bei dieser Folge werden immer unendlich viele Glieder kleiner sein als die bei einer konstanten Folge. Nur endlich viele sind größer oder gleich. Folglich ist die zugehörige Zahl betragsmäßig kleiner als jede reelle Zahl, also infinitesimal. Mir ist auch klar, dass keine der beiden Folgen, die in der Menge der reellen Zahlen die

A: Stimmt! Und noch eine weitere Übung habe ich. Gib doch zu allen bisher mit Folgen beschriebenen hyperreellen Zahlen jeweils die Folge der Gegenzahl und des Kehrwertes an. Kannst Du ggf. auch sagen, ob sie infinit, infinitesimal oder keins von beidem sind?
Über die verschiedenen Typen hyperreeller Zahlen werden wir uns aber in einem weiteren Tutorial unterhalten.